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| Risse im Gebäude der modernen Welt |
Martin Schwarz :: 11 06 06 :: 20:06 T.U.
Der im Mai des Jahres 2005 im Alter von 96 Jahren verstorbene Martin Lings war einer der besten Stilisten unter den Vertretern der „integralen Tradition“. Und daher ist es ihm gelungen, nicht nur glänzende Einführungen in den Islam, das Sufitum und auch in die Werke Shakespeares zu verfassen, sondern mit dieser kleinen Schrift „Alter Glaube und moderner Aberglaube“ auch den Menschen der modernen Welt anzusprechen, um ihm von Anfang der Zeiten stehenden Ur-Offenbarung in zahlreichen weiteren — kleineren — Eingriffen des Absoluten gemildert und so von einem linearen Abstieg in eine zyklische Form gebracht, ob in der Gestalt von Avatâren, der Aufeinanderfolge von Propheten oder wiederholt geschlossenen Bünden zwischen Gott und seinem geschaffenen Ebenbild.
Lings läßt aber auch keinen Zweifel daran, daß wir heute in der „elften Stunde“ (so auch der Titel eines seiner Bücher, in dt. Sprache 1989 veröffentlicht) leben, nicht mehr weit von „der Stunde“, dem Ende des Zyklus entfernt. „Es gibt viele Anzeichen verschiedener Art dafür, daß sich das jetzige Zeitalter seinem Ende nähert — einem Ende das selbst das große Aufeinandertreffen von äußersten Gegensätzen sein wird“. Zu diesen Zeichen zählt auch das Auftreten von pseudospirituellen „Religionen“ wie Theosophismus und Anthroposophismus, die „New Age“-Bewegungen, aber auch die große gegenseitige Kenntnis der Religionen, wie sie nie zuvor der Fall gewesen ist, die die große Versuchung eröffnet, ein Religionsmischmasch für die „eine Welt“ daraus anzurichten. Die Verweise von Lings auf sämtliche Weltreligionen dürfen nicht - und können bei aufmerksamer Lektüre auch nicht — dazu verleiten, diesen Fehlschluß mitzumachen, der nur ein weiterer moderner Aberglaube ist, dem die eigentliche Größe der unterschiedlichen Traditionen entgeht. In Lings Worten: „Da jede Religion ‚katholisch‘ ist, das heißt, eine allumfassende Gesamtheit in sich selbst, erfordert sie bedingungslose Zugehörigkeit, die es keinem Teil des Menschen erlaubt, irgend etwas anderem anzuhängen.“ Dies ist die Position der würdigsten Vertreter der einzelnen Religionen, und nicht zuletzt auch der sogenannten „Traditionalisten“, die auf die spirituelle Autorität René Guénons zurückgehen, dessen Sekretär in Kairo der junge Lings vor einem halben Jahrhundert gewesen ist. Gerade zu dieser Zeit hatte Guénon sein Spätwerk Regné de la quantité et les signes des temps (Die Herrschaft der Quantität und die Zeichen der Zeit) verfaßt. Lings war der erste Leser dieses Werkes von eminenter Bedeutung, und seine „apokalyptisch“ anmutende Sicht der Dinge hat sich ihm eingeprägt. Aber gerade die Etablierung der Strömung der integralen Tradition, zu dessen wichtigsten Vertretern neben Guénon und Lings noch der singhalesisch-britische Ananda K. Coomaraswamy, der Italiener Julius Evola, die Schweizer Frithjof Schuon und Titus Burckhardt, der Perser Seyyed Hossein Nasr und die Rumänen Michel Vâlsan und Vasile Lovinescu zählen, ist selbst ein Zeichen für die fortgeschrittene Stunde: „Das Gebäude der modernen Welt fängt an, den modernen Irrtümern weg und hin zu den ewigen Wahrheiten zu führen. Einem in der modernen Denkweise gefangenen Leser zu den so völlig absurd klingenden, aber in der geschichtlichen Betrachtung eigentlich den Normalfall darstellenden Lehren der Vergangenheit zu führen, ist in der Regel ein schwieriges Unterfangen, doch Lings ist diese Fähigkeit in hohem Maße gegeben.
„Freiheit, Gleichheit, Bildung, Wissenschaft, Zivilisation“ in der modernen Auffassung ihrer Bedeutung erweist er als „magische Worte“, als Aberglauben, die an die Stelle dessen getreten sind, dem allein die Anbetung gebührt: dem Absoluten. Islam, Christentum, die vedische und die schamanischen Zivilisationen bieten dabei gleichermaßen das Anschauungsmaterial des „alten Glaubens“, der Tradition, die dem Menschen von einem übernatürlichen — metaphysischen — Ursprung her überliefert wurde, durch ein Göttliches Eingreifen.
Wie schon der Titel andeutet, kommt dabei der Zeit eine wesentliche Rolle zu. „Dem Menschen früherer Zeitalter fiel es nirgendwo in der Welt schwer, an die plötzliche Entstehung menschlicher Vollkommenheit auf Erden am Anfang der Zeiten zu glauben, von dem aus es keinen Aufstieg, sondern nur einen Niedergang geben konnte“; schreibt Lings. Der Verfall, der von jeder Vollkommenheit aus unmittelbar seinen Anfang nimmt, und den der moderne Mensch „Fortschritt“ nennt, wird durch die Wiederholung der am Risse zu bekommen, die es zuvor nicht hatte, und diese Risse erlauben den Zugang zu einem Blickpunkt, der das genaue Gegenteil all dessen ist, wofür die moderne Welt steht.“ Der ideale Leser dieses Buches ist wohl ein solcher, der diese Risse schon spürt, der das Gefühl des Unbehagens in der Moderne zuläßt, der vielleicht schon an der einen oder anderen falschen „heiligen Kuh“ des Fortschrittsglaubens gezweifelt hat. Ihm wird Lings helfen, die Blickbahn zu wechseln. Aber auch derjenige, der das alles schon ungefähr „weiß“, weil er beispielsweise zu den Praktizierenden einer authentischen Religion gehört, wird die Lektüre des Buches mit gereinigtem Blick und größerer Gedankenklarheit beenden. Zuletzt sei noch erwähnt, daß die Übersetzung dem Werk angemessen und die ästhetisch unaufdringliche Gestaltung des Bandes — nicht immer selbstverständlich bei deutschsprachigen muslimischen Verlagen — zu würdigen.
Alter Glaube neuer Aberglaube
Autor(en): Martin Lings
Verlag: Spohr
Erscheinungsdatum: 2005
Seitenzahl: 94
Preis: €9,00