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| Konservativer Revolutionär und Kirchengründer |
Gero Schmitt :: 07 05 06 :: 0:49 T.U.
Geht ein Denker oder ein Schriftsteller mit fliegenden Fahnen unter, in einem Knall, oder kämpft er bis zum letzten Bluts- bzw. Tintentropfen, so ist der halbe Mythos schon im Kasten und sein Werk fortan vom Nimbus des Abenteuers umflort. Zieht sich der Denker jedoch häuslich zurück, wird er ‚ruhig’, so schickt man unwillkürlich auch sein Werk in den Ruhestand, ungeachtet der ihm innewohnenden Radikalität, Andersartigkeit, Aktualität. — Friedrich Hielscher hat zweifellos seinen Ruhm überlebt. Dabei hat er eigentlich nie aufgehört zu kämpfen, er lenkte nur seine Aktionen aus dem ehemals noch recht politischen Rahmen des Umfeldes der Konservativen Revolution (KR) in religiöse Bahnen.
Das Religiöse ist in Hielschers Denken eine Konstante. Schon in seinen frühen Schriften betont er sie. In dem 1926 veröffentlichten Aufsatz „Innerlichkeit und Staatskunst“ konstatiert Hielscher in bezug auf die Weimarer Republik, daß hier nichts zu retten sei, daß das von Versailles geknechtete Deutschland untergehen müsse, je schneller desto „besser ist es für die deutsche Sache“. Denn die schreckliche Situation sei mitnichten das Resultat unmittelbarer Politik, sondern ergäbe sich zwangsläufig aus der Verfallszeit, in der man sich befinde. Hier klingt — wenngleich von Hielscher so nicht genannt — die antike Weltzeitalterlehre an. Da der Untergang ein Gebot der Zeit ist, verbietet sich die Teilnahme am Politischen, und dem erkennenden Menschen bleibt lediglich das Transzendente als fester Bezugspunkt im Strudel der Zeit.
Hielschers Nähe zu Denkern der Tradition wird offensichtlich. Für ihn besteht, genau wie für René Guénon, der Verfall des kali yuga — diesen Sanskritbegriff gebraucht Hielscher allerdings nicht — in einer fortschreitenden Materialisierung. Weitere Ausformulierung fand Hielschers Denken in seinem theoretischen Hauptwerk Das Reich (1931); schon vor Erscheinen des Buches verlangte Hielscher, der sich seit Jahren im intellektuellen Spektrum der KR bewegte und seinen Ideen bereits weitreichend Gehör verschafft hatte, von anderen Intellektuellen ein vorbehaltloses Bekenntnis zum Inhalt des noch unveröffentlichten Werkes. Hiermit eckte er bei vielen an. Das Buch schließlich war leidenschaftlich umstritten. Ernst Niekisch etwa schrieb einen bitteren Verriß: Es sei nicht „herrschgewaltig“ genug und propagiere statt dessen eine Kirche. Ja, das tat es wirklich. Um Hielscher bildete sich ein Kreis, der in der Zeit des Dritten Reiches gewissermaßen ,überwinterte’, d. h. der sich völlig aus dem öffentlichen Leben zurückzog und sich maßgeblich weltan-schaulich-religiös verstand, nicht politisch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg meldete sich Hielscher 1954 mit einer Selbstbiographie zurück, die große Wellen schlug, und in der ihr Verfasser sich und Angehörige seines Kreises zu erbitterten Widerstandskämpfern stilisierte. Ernst Jünger — mit dem Hielscher jahrzehntelang korrespondiert hatte — vermerkte angesichts des Medienrummels um den Denker, von Hielscher werde man künftig sicher noch mehr hören. Doch man hörte eben nicht, denn Hielscher setzte nun um so stringenter den Weg in die apoliteia fort. Die Abschottung seiner eigenen Kirche — eine heidnische Gruppierung mit einer diffizilen und von Hielscher immer feiner ausgearbeiteten Theologie — war so total, daß man von einem Geheimbund sprechen kann. Erst wenige Jahre vor Hielschers Tod 1990 zerbrach diese klandestine Gruppe, die sich jahrzehntelang bei ständiger Schrumpfung der Mitgliederzahl um Hielschers geschart hatte, der eine papstgleiche Stellung einnahm und keinen geringeren Anspruch vertrat, als ausschließliches Sprachrohr des Göttlichen zu sein.
Wie klaffend die Lücke war, die ein Buch geschlossen hat, wird einem häufig erst nach der Lektüre bewußt. Dabei möchte dieses nicht mehr, als in Hielschers Leben und Werk „einzuführen“. Hier scheitert der Verfasser Peter Bahn insofern, als einige Ansätze seiner Darstellung schon weiterführenden Charakter tragen. Desto besser! Besonders wertvoll sind die Interpre-tationen und kritischen Erläuterungen der Hielschers Gedankengebäude zugrunde liegenden Prinzipien. — Der kritische Leser mag jedoch den Eindruck gewinnen, daß Bahn Hielschers „Widerstands-tätigkeit“ im Dritten Reich zeitgeistkonform über Gebühr betont hat und sich streckenweise allzu stark auf Hielschers autobiographische Angaben stützt, die deutliche Züge der Selbstmystifizierung aufweisen und deshalb keinesfalls verläßlich sind. Dennoch hat der Autor zweifellos ein Grundlagenwerk zu einer bisher zu Unrecht vernachlässigten Zentralfigur der KR vorgelegt (Hielscher hat nicht einmal einen Eintrag im Lexikon des Konservatismus (1996) erhalten). — Als unglückliche Fehlentscheidung muß allerdings der Entschluß des Bublies-Verlages angesehen werden, das Buch in „Neuer Rechtschreibung“ zu verlegen, nicht nur da diese generell eine Unseriösität darstellt, sondern weil der Autor sein Werk mit Aberhunderten von Zitaten gesprenkelt hat, die akademisch exakt in bewährter Rechtschreibung gesetzt sind; das Ergebnis ist eine orthographische tour de force für den Leser. Weiterhin ist das Buch durch den Verlag etwas lieblos lektoriert und gesetzt, was es wahrlich nicht verdient hat. Ebenso vermißt man schmerzlich ein Personen- und Sach-register.
Für Hagal-Leser mag insonderheit Bahns Exkurs „Hielscher – ein ‚deutscher Evola’?“ von Interesse sein, der die Schnittmenge Hielscherscher Gedanken mit jenen des italienischen Traditionalisten aufzeigt; erstaunlich, daß Hielscher und Evola anscheinend keine Kenntnis von den Werken des jeweils anderen hatten.
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